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19.9.2022

Wie viel Zeit braucht der sichere Weg?

Produktsicherheit

Meine Tochter brachte mir vor Kurzem ein Rätselheft für Vorschulkinder, das in ihrem Hort herumlag. Thematisch drehte sich das Heft um die Sicherheit im Straßenverkehr. Welche 5 Personen machen was falsch auf diesem Bild, finde die 8 Unterschiede auf jenem Bild - ein bisschen lehrreich, ein bisschen lustig, und an manchen Stellen sogar überraschend knifflig. Als meine Tochter für den Abend eigentlich schon genug hatte, sah ich mir noch kurz das nächste Rätsel an. Ich las vor: „Die drei Kinder wollen von daheim zur Sporthalle gehen. Welcher der drei eingezeichneten Wege ist der Sicherste?“ Darunter war ein Ausschnitt eines stilisierten Stadtplans zu sehen mit drei dicken Linien für die Routen A, B und C. „Komm, das eine machen wir noch, das hast Du schnell raus“, sagte ich zu meiner Tochter. Sie antwortete ohne das Bild eines Blickes zu würdigen: „Ist doch eh die längste Strecke!“ Sie hatte Recht. Die längste Strecke führe konsequent über Zebrastreifen und Fußgängerampeln. Der kürzeste Weg, bei dem es zwei Straßen ohne jegliche Hilfsmittel zu überqueren galt, war nur halb so lang. Die Botschaft des Rätsels ist klar, für einen sicheren Weg sollte man auch Umwege in Kauf nehmen. Aber muss das immer so sein?

Manipulation

Sicherheits- und Schutzeinrichtungen sollen das Bedienpersonal vor Verletzungen bewahren. Ein Beispiel: Eine Gefahrenstelle wurde identifiziert und eine trennende Schutzeinrichtung wird als Mittel der Wahl auserkoren. Jedoch muss die Gefahrenstelle in manchen Situationen erreichbar bleiben, z. B. zum Nachfüllen von Betriebsmitteln. Also prüft ein Sicherheitsschalter die Position der trennenden Schutzeinrichtung und alles ist gut, oder? Nun hat das Bedienpersonal aber eigene Interessen, und die lauten nicht nur „sicher arbeiten“, sondern auch „effizient arbeiten“. Und wenn dem eine Schutzeinrichtung im Weg steht, die auf den ersten Blick nur eine unnötige Hürde darstellt, dann wird etwas dagegen unternommen – die Schutzeinrichtung wird manipuliert.

Bild Zebrastreifen

Zahlen und Fakten

Lange Zeit war nicht klar, wie häufig Sicherheitseinrichtungen in der Praxis wirklich manipuliert werden. 2006 erschien der Report „Manipulation von Schutzeinrichtungen an Maschinen“ [1] des Hauptverbandes der gewerblichen Berufsgenossenschaften (HVBG) und lieferte erste Fakten. Laut der Untersuchung werden ca. 37% aller Schutzeinrichtungen im Laufe der Lebenszeit einer Maschine manipuliert. Eine riesige Zahl. Und diese Manipulationen werden richtig gefährlich: „Knapp ein Viertel aller Arbeitsunfälle ist nach Meinung aller Befragten auf Manipulationen zurückzuführen“ (S. 23). Wenn diese Manipulationen so gefährlich sind, warum werden sie dann so häufig durchgeführt? Auch darauf liefert der Report eine Antwort: „Auf die offene Frage nach Gründen für Manipulationen an Schutzeinrichtungen wird der Aspekt Zeitgewinn/schnelleres Arbeiten in etwa 22 % der Fälle angegeben. Zusammen mit den Aspekten Zeit-/Leistungsdruck (14 %) und Produktionssteigerung (7 %) bezieht sich knapp die Hälfte (43 %) der spontanen Äußerungen auf die zeitliche Optimierung des Arbeitsablaufs“ (S. 24; Hervorhebungen von uns). Da ist er wieder, der sichere lange Weg und der unsichere kurze.

Problem erkannt

Die ISO 12100 gibt eine Reihenfolge vor, in der Sie während der Risikobeurteilung die Maßnahmen gegen eine Gefährdung durchgehen müssen. Zuerst versuchen Sie die Gefährdung konstruktiv zu beseitigen. Sollte dieser Versuch nicht erfolgreich sein, so müssen Sie eine Schutzeinrichtung vorsehen. Erst im letzten Schritt erfolgt eine Benutzerinformation. Angesichts der Zahlen wird klar warum dies so ist, schließlich birgt eine konstruktiv beseitigte Gefährdung kein Risiko mehr und kann nicht manipuliert werden. Doch auch wenn Schutzeinrichtungen eingesetzt werden, so müssen Konstruierende darauf achten, dass das Umgehen einer Schutzeinrichtung dem Bedienpersonal keine Vorteile bietet. Leicht gesagt, ich weiß. Schutzeinrichtungen sollten so wenig wie möglich stören, ihre Manipulation muss unmöglich oder zumindest sehr aufwändig sein. Die EN ISO 14119 bietet im Kapitel „Konstruktion zum Verringern von Umgehungsmöglichkeiten von Verriegelungseinrichtungen“ Ideen zum Thema. Weitere Hilfe bei der Konstruktion und Bewertung von Schutzeinrichtungen finden Konstruierende auch bei den gesetzlichen Unfallversicherern in Deutschland. Zum Einstieg bietet sich diese Seite an. Dort finden Sie zum Beispiel eine Excel-Vorlage für die Bewertung der geplanten Schutzeinrichtungen an Ihrer Maschine. Eine App für diese Aufgabe ist zurzeit in Entwicklung. Für mich steht am Ende meiner kleinen Recherche zu dem Thema die Erkenntnis, dass wir Menschen bereit sind ein höheres Risiko einzugehen, wenn wir dafür einen direkten Vorteil sehen – z. B. durch Zeitersparnis. Sorgen wir an dieser Stelle für so wenig Anreize wie möglich.

[1] https://publikationen.dguv.de/forschung/ifa/ifa-report/1886/manipulation-von-schutzeinrichtungen-an-maschinen

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